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Stricktick und Wollvirus!

Seit über 30 Jahren bin ich, Jahrgang 63, vom Wollvirus befallen: angefangen vom Bommel-Wickeln in der Grundschule übers Häkeln (Topflappen, Barbie-Klamotten, Schultertücher, Spitzengardinen – das ganze 70er-Jahre- Spektrum eben), bis dann mit 14 Jahren endlich der Groschen in puncto Stricken fiel (meine Oma, die immer unendlich viel Geduld mit mir und meinen ungeschickten Fingern hatte, hat diesen Moment leider nicht mehr erlebt, ihr sei noch heute herzlich gedankt).

Seitdem war kein Wollrest mehr vor mir sicher: Familie und Schulklasse wurden gnadenlos eingestrickt, vorzugsweise mit den damals üblichen formlosen Großpullovern aus handgesponnener Wolle oder den typischen Rundpassen-Norwegern, für die damals offenbar nur drei Mustervarianten im Umlauf waren und denen Ich bin der Martin, ne – Diether Krebs in seinem Video ein unvergessliches Dankmal gesetzt hat. Keine Schulstunde oder Vorlesung, keine Auto-, Zug- oder Klassenfahrt ohne Strickzeug.

Trotz des damaligen Booms an Wollgeschäften und Handarbeitszeitschriften sowie der schrillen 80er-Jahre-Mode erscheinen mir im Nachhinein Muster und Farbenvielfalt der damaligen Modelle eher bescheiden; irgendwann fühlte ich mich durch die sicherlich noch bekannten Farbflächen-Pullover nicht mehr genug herausgefordert, war aber auch zu unkreativ, um etwas eigenes zu entwickeln.  

                                                                                              

Zum Glück sorgte Garfield dann für neue Ziele: in mühevoller Klein- (und Hand)arbeit übertrug ich die Figuren meiner liebsten Garfield- und später auch Peanuts-Figuren Punkt für Punkt auf durchsichtiges Millimeterpapier, in das ich vorher mit Tusche von Hand ein 2/3-Raster eingezeichnet hatte und strickte so die Figuren komplett in Intarsientechnik nach. Da die Wolle hierfür relativ dünn sein musste (um die vielen Rundungen im Muster hinzukriegen) und gleichzeitig in vielen Farben vorhanden sein musste, um den Originalton der Vorlage zu treffen, stieß auch hier mein Interesse wiederum an Grenzen. Der einzige Strickladen in Bochum, meinem damaligen Wohnort, der diese Bedürfnisse zumindest in Viskose erfüllte, machte leider dicht (einer meiner Garfield-Pullover musste daher ärmellos bleiben), so dass ich mich wieder nach etwas Neuem umsehen musste.

In den 90er-Jahren ebbte der Strickboom ja dann gewaltig ab und Job und Kinder forderten ihre Zeit . Immerhin reichte es noch zum Stricken von Kinderpullovern, Krabbeldecken, Spieltieren und Co.

Durch Zufall stieß ich dann 1995 in einer winzigen Anzeige in der BRIGITTE auf Wolle & Design in Jülich, buchte unmittelbar nach der Geburt meines Sohnes spontan einen Workshop und lernte das Vielfarbstricken von Kaffe Fassett und anderen englischen Designern sowie die unglaubliche Farbpalette der Garne von Rowan und Jamieson & Smith kennen – ein völlig neues Universum tat sich auf, das mich bis heute nicht mehr losgelassen hat!!!!

In der Folgezeit verging kein Jahr ohne mindestens ein Wochenende in Jülich, für mich jedesmal ein kleiner Urlaub und ein Fest für die Sinne. Sich zwei Tage lang nur dem Hobby widmen, weitere Strickverrückte zu treffen und in Farben schwelgen, herrlich!!

Da ich zunächst von der Vielfalt der Möglichkeiten an Farbzusammenstellung und Design, die sich mir hier eröffneten, völlig überfordert war, habe ich in den darauf folgenden Jahren zunächst jeweils bekannte Designs nachgestrickt und mir bei der Zusammenstellung der Farben helfen lassen. Noch immer neige ich nämlich dazu, zu ähnliche Farben zu kombinieren, damit es möglichst harmonisch aussieht – letztlich aber oft langweilig ist...

Ein Fair-Isle-Kurs in Jülich brachte mich dann schließlich auf die Spur dessen, was ich eigentlich wollte: vielfarbige Stücke, die komplett in Runden und damit immer rechts gestrickt sind (und anschließend aufgeschnitten werden), wobei pro Runde nie mehr als zwei Farben verwendet werden.

Durch die Regelmäßigkeit der Muster hatte ich die Möglichkeit, mit Farben zu experimentieren, ohne von beiden Aspekten (Farbe und Design ) überfordert zu sein. Oft entstehen neue Ideen für Muster erst während des Strickens, das durch die Wiederholung der meist kleinformatigen Muster wunderbar zum Abschalten und Gedanken-Schweifenlassen einlädt, aber auch nie langweilig wird, weil immer wieder etwas Neues kommt. Das ständige Einweben des auf der Rückseite mitlaufenden Zweitfadens ist mir inzwischen so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich mit zwei Farben fast so schnell stricke wie früher mit einer. Die Muster werden sehr regelmäßig und das Strickstück hat durch den mitlaufenden Faden eine gewisse Spannung und Festigkeit, die mir sehr gefällt. Trotzdem sind die Teile aufgrund der dünnen Wolle (die ich maximal mit Nadelstärke 3 verstricke) federleicht und sehr angenehm zu tragen.

Das war genau das, was ich immer gesucht hatte!

Mittlerweile (und viele Fair-Isle-Projekte später) ist bei mir der Farben-Sammeltick ausgebrochen, v.a. in Bezug auf dünne Shetland- und Tweed-Garne. Jeder Faden, der länger als 1m ist, wird aufgehoben und in durchsichtigen Acrylboxen gesammelt, damit ich meine Schätze immer vor Augen habe.

Gleichzeitig bin ich immer wieder auf der Suche nach Mustern oder Ideen, die sich in solche umsetzen lassen. Die Entdeckung des Netzwerkes www.ravelry.com - dort bin ich als ulrikestrickt unterwegs - hat meinen Horizont in dieser Hinsicht bedeutend erweitert. Aber auch sonst kann man - wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht - viele Anregungen für Strickmuster und Farben bekommen. So lassen sich z.B. Zierreliefs und Ornamente von Häusern, Kirchen, Zäunen wunderbar in strickbare Muster übertragen.